Philipp Otto Runge
An Daniel
An Daniel
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Du meynst, ich gebe ich viel darauf, daß Bassenge mich
besucht hat. Dem ist freylich so, war aber nur so eine vorübergehende Atheisterey, und ich komme dann
hernach wieder zu einem Glauben, wie ihr ihn so stark nimmer haben könnt. Wie ich mich seltsam benehme
und benehmen muß, davon habt ihr aber auch keinen Begriff. Wäre ich ein Schelm, es wäre recht
verführerisch jetzt, zum Spitzbuben mit nicht einmal halbem Bewußtseyn zu werden. Es ist nur gut, daß ich
es ehrlich ineyne und meinen Vorsatz ganz so ehrlich halte, daß ich oft selbst darüber weinen möchte und es
würklich auch thue, wenn ich so immer vor mich weg arbeite, und sehe in allem nichts anderes, als wie ich
nur ihr Bild in allem recht ausdrücken möchte, und es kommt mir auch keine Spur von ihr an die Hand. Dann
treibt's mich wieder zur Arbeit, aber wenn damit die Hoffnung so neu und lebendig zurückkehrt, -dann
vergeht mir wieder der Muth, das zu machen, was ich doch will, und ich darf dabey nur nicht verweilen, wie
lumpig mir dann vorkommen kann, was ich mache, es soll, soll aber gut werden und wenn e s siebenmal
siebenzigmal behext wäre, ich will's doch machen --
-Tieck ist nun auch wieder fort mit Frau und Kind und wird ein paar Monate abwesend bleiben. Er ist jetzt
überaus eifrig beschäftigt, die alten Deutschen Heldengedichte vollständig zu sammeln. Wir haben einige
zusammen gelesen; so was Herrliches habe ich doch noch nicht gehört, es geht doch in vielen Stücken noch
über den Homer. -Es werden hier draußen auf'm Bade mitunter göttliche Sachen aufgeführt, wie die
Teufelsmühle; ich und T. sind oft hinaus gewesen, auch das Donauweibchen ist sehr gut. Neulich Abends
haben wir uns die Scenen alle verbessert und den Effect noch vergrößert; Tieck schlug mir vor, wir wollten
einmal so ein Stück zusammen schreiben, so daß nichts als lauter Effect hinein käme und die Zuschauer
immerfort in allergrößter Neugier erhalten würden. Der Anfang ist: Es treten drey schwarze Ritter auf vor
einer Burg, stoßen dreymal die Trompete und sprechen -. "Nun werden sie kommen; " dann gehen sie ab,
und dann kann alles kommen was da will. Wir haben einige Abende ordentlich schon Kupfer zu solchen
Sachen gezeichnet. Es werden ordentlich alle heurigen Meynungen symbolisch dargestellt, vorzüglich geht's
aber über uns selbst her --. Es hat auch jemand kürzlich gesagt, das Donauweibchen sey "unmoralisch";
das ist doch beynahe, als wenn man von einem Ochsen sagt, er sey unhöflich.
Es ist wunderlich, was Menschen -ich meyne Künstler -für Zeug sagen können. So der neulich: es wäre
unbegreiflich, wie aus dem Norden eine solche Phantasie entspringen und so eine Kunst ausgehen könnte,
wie ich sie suchte; in meinen Sachen wären so erstaunlich schöne Gedanken, nur wären sie nicht zu mahlen;
-wie hat er sie denn sehen können ? -Ferner, es sey recht Schade, daß ich mich gar nicht damit abgeben
wolle, die Antiken zu studiren, denn dahin, recht was Schönes zu machen, würde ich am Ende zwar
kommen, aber es würden doch nur phantastische Bilder; -sind denndie antiken Götter nicht phantastisch ??
-Zum Erstaunen sey es, was meine Kinder schön wären, aber es wären doch keine Antiken !
Ist das nun nicht wunderlich? Ich denke das, was er da mit dem Tadel von mir gemeynt hat, eigentlich weit
strenger selbst von mir; aber daß sie so gar nicht auf die Möglichkeit sehen ! Ich muß doch beim Henker !
erst ganz wissen, was ich will, ehe ich es auch in den Antiken suche, dann hernach, wenn ich meine Idee erst
klar habe, brauche ich jene bloß zu sehen, und nicht sie zu studiren. Uebrigens ist mein Bild noch gar nicht
halb fertig und ich habe weder auf Ausführung noch auf Form besonders sehen können. -Das Beste ist, daß
ich mich nie mit ihnen in Streit einlasse, so bringen sie sich denn immer bald selbst auf's Absurde. Das ist,
dünkt mich, die elende Mittelmäßigkeit: wenn einer einen schönen Gedanken hat, wie die Kunst aus dem
Menschen kann gediegen von neuem entwickelt werden, daß er sich es dann doch nicht versagen kann, den
Weg, den Alle gehen, doch auch etwas mit zu gehen. Entweder ganz zum Idealismus übergegangen, und in
Allem etwas Hohes sehen, oder man muß alles platt und natürlich nehmen.
Die meisten Menschen können sich nicht überwinden, wenn sie noch irgend ein Talent mehr in sich
verspüren, daß sie es um des Bessern willen sollten liegen lassen. -Wenn ein Künstler, der einen
Gedanken von einem Bilde hat, sich die Talente überlegt, die zur Ausführung nothwendig sind und ihm
fehlen; er bildet sie nun alle einzeln in sich aus, wenn er aber damit fertig ist, so ist der Gedanke gestorben: das
ist, dünkt mich, die Geschichte auch der meisten Gelehrten, wie der Künstler, und die Frucht aller
Erziehung, die so übertrieben auf Ausbildung des menschlichen Geistes dringt, hernach die Menschen nur
nicht wissen, was sie mit allen den Talenten haben würken oder machen wollen und so elend in sich zu
Grunde gehen, aus Langerweile auf die kümmerlichsten Sachen verfallen und ihnen mit ihrem imponirenden
Werth einen Stempel geben, als wenn es recht was wäre. Es kann aber ein Mensch alles seyn und kein
einziges seiner Talente recht ausgebildet haben, und wiederum einer alle ausgebildet haben und nichts seyn.
Dasselbe Verhältniß hat es mit der Aufklärung von den meisten Ländern in Europa: Der Preußische Staat,
dünkt mich, hat nach Friedrich's Plan die in ihm schlummernde Intelligenz recht ausbilden sollen, die
Menschen sind aber gestorben, die es gewußt haben, wozu dann die Staatskräfte sollten angewendet
werden; jetzt wächst er denn fort, ohne etwas anfangen zu können; so muß, wie im einzelnen Menschen,
auch da alles in sich versinken u.s.w. u.s.w.
Die Aufklärung in einem Menschen und die Ausbildung seiner Talente darf nicht weiter gehen, als wie es
seine Seele verträgt, und so weit wird sie bey mäßiger Gelegenheit von selbst gehen, und wer es damit am
höchsten treiben kann, das ist der höchste. Sich eine Ausbildung nach irgend einer Seite freywillig und
wissentlich um des Höchsten willen versagen, ist immer der freywillige Tod und so soll im Kleinen jeder
Mensch oft und täglich die Angst Jesu Christi im Garten in sich wiederholen, denn das war in der
allerhöchsten Potenz nichts anders und aus diesem freywilligen Tode entspringt das ewige Leben ---.
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