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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,155 # 10. Oktober 1802

An Daniel


Du wirst durch meinen vorigen Brief aus der Unruhe, die
mein langes Schweigen gemacht, herausgerissen seyn. Die verschiedenen Ursachen, die du davon
annahmst, erinnern mich an meinen nun verschwundenen Zustand, wo ich immer alles, was Bassenge's
thaten, bey mir combinirte, und wo ich das rechte nie getroffen habe. Jetzt bin ich erst recht allein, das ist die
rechte Einsamkeit; vorher habe ich nur die Furcht gehabt, daß ich etwas verlieren könnte, jetzt ist es
bisweilen so gräßlich um mich herum:


"Ich höre keinen Ton, der zu mir dringt, Und Schmerz und Lust sind
aus der Brust geflossen, Die in sich selbst in tiefsten Aengsten ringt,
Auch kein Erinnern des, was sie genossen, In ihrer tauben Leere wiederklingt; Und höhnend ruft der inn're
böse Feind: Genüge dir, so wie du sonst gemeynt -." (Tieck).


Aber wozu sollen diese Angst, diese entsetzlichen Vorstellungen, wenn sie auch noch so wahr sind? -
Das Gute müssen wir wollen, das Böse aber will uns: Das ist der Teufel im Menschen, die Erbsünde, zu
welcher ein jeder von selbst kommt, aber zum treuen Glauben und zur Liebe aus reinem Herzen müssen wir
mit Beten und ernstem Wollen dringen.

Es ist ein herrliches und mit nichts in der Welt zu vergleicheiides Bewußtseyn, etwas zu können; dazu werde
ich durch das Bild (die Nachtigal), das ich jetzt unter den Händen habe, gelangen, es muß [gp] das werden,
was ich will, und dann kann ich noch Besseres wieder hervorbringen.

-Bisweilen stelle ich mir vor, wenn ich es fertig habe, dann müsse aIles gut gehen, dann müßte sie es doch
mit Händen greifen, wie lieb ich Pauline hätte, und dann jammere ich wieder über mich selbst, wenn ich mir
denke, daß sie vielleicht gar nichts darin sehen werden. Wenn ich davor sitze, und sehe im Geist alles schon
gemacht, sehe die herrlichen Farben, womit ich s i e doch immer nur meyne, dann möcht' ich mich selbst
loben, daß so etwas in mir ist, ich weine über midi selbst: und wenn es niemand versteht, und wenn ich ewig
vergessen so allein sitzen soll, nur s i e will ich immer ausdrücken, wenn es niemand ahnet, will ich mich


selbst über mich selbst freuen, daß ich nur in ihrer Liebe lebe, dieser Rose, Blume aller Blumen, Blüthe, aus
der meine Früchte herauswachsen; die innigste tiefste Ehrfurcht will ich vor meinen Bildern haben, es ist mir,
als wäre ich es nicht werth, sie gemacht zu haben; diese Liebe soll das Weib seyn, mit welchem ich immer
neue zeuge; diese innere Gluth ist dann wie der heiße Sommer in mir, in ihm setze ich mich an die Arbeit und
mit ganzem festen Bewußtseyn begreife und mache ich was ich will, und wie es seyn muß; dieses sind die
Früchte, die dann im farbigen Herbste reifen und ich falle in den Frost des Winters zurifck, bis wieder die tiefe
Sehnsucht des Frühlings mich ergreift und jede Erinnerung und alle Blumen von neuem weckt. -Es dient zu
nichts, daß man viel darüber spricht, wie man etwas machen kann; wer das Erste in sich und in der Welt
versteht, der sage das Zweyte durch ein Hervorgebrachtes aus sich.


-Die Uhr und den Musselin habe ich erhalten; die Uhr ist prächtig und du glaubst nicht, wie so etwas einem
hübsch ist und'hilft bey der Arbeit, es zu haben. Der neue schwarze Rock, das neue Logis, die goldene Uhr:
kurz, das ist so eine Reinheit, daß man darin denn auch nichts andres, als recht was Reinliches und
Sauberes machen kann. Da liegt auch allein die Ursache, warum Correggio auf einen Goldgrund gemahlt
hat, weil da natürlich kein Schmutz darauf paßt; ich finde ei auch überhaupt ganz falsch, wie die Niederländer
schmutzige Farben dadurch zu reinen erhoben haben, daß sie noch schmutzige daneben setzten; Correggio
hat grade im Gegentheil recht reine Farben dadurch schmutzig gemacht, daß er noch reinere daneben stellt,
und so ist es auch mit den Farben in der Natur. Ich war diese Woche einen Tag mit Böhndel nach Ularand;
wie herrlich da die Farben waren, glaubst du nicht; von den "heiligen Hallen" soll ich euch grüßen, so göttlich
hab' ich sie nie gesehen. -

Hör' einmal, wenn ich dies Bild fertig habe (ich bin nun erst bey der Skizze) , dann mache ich wieder was
noch besseres, das sollst du sehen, dazu denke ich mich einmal recht um des alten Jobst Echard's Farben
bey euch zu bemühen, denn das sage ich dir: kein Bild mache ich, wo nicht die äußerste Reinheit der Farbe
ihre große Rolle darin spielt. Mir ist jetzt der Kopf so voll von Tönen, Haltungen, Farben, Reflexen, Lichtern,
daß ich's dir gar nicht sagen kann; neulich träumte mir, du kamst in mein Zinuner und wolltest mich
umarmen, da sah ich aber, daß du gar nicht die richtigen Reflexe im Gesicht hattest, und da kamen Andre,
und ich dachte: du hättest die Farben auch ganz anders mischen sollen, der Schatten ist lange nicht rein
genug und so immer weiter --.


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