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Philipp Otto Runge

An Daniel


4. August 1802

An Daniel


Böhndel ist seit vorgestern Morgen bey mir und wir freuen uns mit einander über das, was wir uns sagen
können; er ist mir hier sehr lieb und willkommen; indeß sind wir noch in Unruhe, bis wir ein Logis für ihn
haben. Wir werden uns schon näher wieder kennen lernen, wie wir nun gegen einander stehen. -Der Brief,
den er mir von dir mitbrachte, hat mich tief gerührt; ich danke euch Allen herzlich für eure Liebe. Ich wollte,
ich könnte dir schreiben, daß ich mich erträglich befände. An meinem Geburtstagsmorgen erhielt ich einen

großen Korb mit schönen Blumen geschickt, von der Alberti (Maria), die ich den Tag vorher um ein klein
Gedicht auf diese Merkwürdigkeit gebeten hatte. Beykommend erhältst du auch ein Plattdeutsches zur
Hochzeit einer Freundin von Berger's Braut, die etwas lange auf diesen Tag gewartet hat; die Musik ist von
Berger, der Text von mir, eigentlich zum Polterabend, wo Berger's Braut es ihr vorsingen wird.

14. -Ich will dir heut erzählen -, was seit vorgestern sich ereignet hat und mich um vieles ruhiger, und auf
der andern Seite auch um vieles unruhiger gemacht; was vielleicht in euren Augen die Sache nicht
verbessert, aber mir doch frischeren Muth wieder giebt. ----
Den 24. -Ich hoffe noch diese Woche bey der Skizze in Farben von meinem Bilde anzufangen. Das
Gewand habe ich jetzt in der Zeichnung recht gut, und es muß nun alles gehen.

0 Geduld! Könnte ich die jetzt haben ! Pauline liebt mich, das glaube ich nun gewiß. Könnte ich sie
sprechen, die Felsen müßten sich erweichen und mir dienen. Ich muß durch, und es muß [gesp] sich alles
näher geben, eher gehe ich nicht vom Fleck; es ist nicht anders.

-Tieck ist doch weit reiner und besser als ich; die Liebe zu der Welt ist nicht so tief mehr in ihm, daß sie ihn
so regiert, wie mich. Ich sehe es wohl ein, kann es ihm aber nicht nachmachen; ich bin in der Mitte des
Lebens; die Gedanken, womit er sich trägt, verwerfen das nicht, aber setzen es herunter, womit ich mit voller
Seele die Kunst sehen möchte. Ich werde es auch noch so machen, nur jetzt nicht. --

Ich muß dir eine würkliche Geschichte erzählen, die auch eigentlich so nicht erfunden werden kann, und die
ich gestern gehört. Sie könnte, glaub' ich, einen rasend machen. -Hier ist eine Familie, sie heißen L. Wie die
jetzige Alte noch Kind gewesen, war eine kleine Schwester von ihr, fünf Jahre alt, einmal in der Stube allein
und auf dem Tisch steht eine größe Flasche mit Liqueur. Das Kind schenkt sich ein und findet einen so
großen Reiz daran, daß es die ganze Flasche .austrinkt; man kommt dazu und findet das Kind von Sinnen
und daß ihm der Branntwein aus dem Halse brennt. Man wendet alle möglichen Mittel an und es wird
gerettet, doch bleibt die Sprache völlig weg, und das Kind wird fast lahm, so daß es beständig im Bette liegen
muß. Die Mutter zieht sich dieses sehr zu Gemüthe und pflegt das Kind mit unbeschreiblicher Sorgfalt einige
Jahre lang, dann wird sie sehr krank und stirbt.

Auf dem Todbette bittet sie die übrigen, Kinder, dieselbe Aufmerksamkeit wie sie auf das Kind zu verwenden,
oder sie würde keine Ruhe im Grabe haben, weil jenes durch ihre Unvorsichtigkeit sich zugetragen. Die
Kinder befolgen ihren Auftrag, allein acht Jahre nachher ist die Hochzeit von einer der Töchter und sie
vergessen -an dem Tage das Kind bis zum Nachmittage um 3 Uhr, da denken sie mit einmal daran, und wie
sie oben in's Zimmer kommen, sitzt das Kind aufgerichtet irn Bette und ruft ihnen entgegen: "Mein Gott, was
bin ich glücklichl Mutter ist hier gewesen und hat mir zu essen gebrachtl" Darauf fällt das Mädchen wieder
zuriick und bleibt stumm und kraftlos wie zuvor, so lange es lebt. -Ich glaube nicht, daß man darüber noch
etwas sagen kann; die Sache ist wahr, und um desto unbegreiflicher. -

Den 1.September -Ich selbst weiß am wenigsten aus mir klug zu werden; ich komme mir vor, wie ein
Instrument, worauf so verschiedene Begebenheiten herumpauken, und das'doch nur drey oder vier Töne von
sich geben kann


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