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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,141 # 27. Juli 1802

An Daniel


Mein liebster Daniel, es dauert mich in der Seele, daß du dich so sehr über mich beunruhigst. Dein Zuspruch, daß ich frische Hoffnung haben solle, ist recht gut; wenn das nur
immer so leicht zu befolgen wäret Ich habe keine Hoffnung bey mir; ob mit Recht oder Unrecht, idi kann
nicht, und sollten auch anscheinende Gründe da seyn. Was hilft auch das Hoffen? der Schmerz ist hernach
desto größer -und man kann es bey allem Bestreben, nicht hoffen zu wollen, doch nicht einmal ganz lassen.
-Ich bin ihr Sonnabend begegnet, ich war grade mit A -ndern zusammen; sie war sehr freundlich, und
seitdem ist mir besser. --

Der alte Graff hält viel auf mich und die Mama auch, aber -wer versteht einen? Ich bin sehr befrübt, ich
führe jetzt mein Bild, die “Nachtigal”, aus, und bin überzeugt, daß es ein schönes in Hinsicht der Composition
wird, die ich jetzt erst recht zu verstehen anfange; ich habe mir die Arabeske, die beiden Köpfe, das Gewand,
den Baum, jedes besonders aufgezeichnet; ich ging damit heut zu . . n . ., wir sprachen viel darüber, ich
erläuterte es ihm etwas, da es nur stückweise da war: er meynte denn am Ende, die Idee wäre recht hübsch,
allein sie erfordre einen so großen Aufwand von Kräften, Nachdenken und Arbeit, um sie auszuführen, und
am Ende sey es doch so bloß ein Spiel; ich sollte die Mühe, die ich mir damit gäbe, lieber auf etwas
Besseres verwenden ; wenn ich es auch nach meinem Sinn ausführte, würde es doch am Ende niemand
verstehen; so etwas, das wär' so'ne leichte Idee vom Dichter allenfalls, auf einem Spatziergang u.s.w. u.s-w.
-Kurz, ich möchte ihn nicht ad absurdum bringen, sagte ihm also nur kurz und unverhohlen, das Bild wolle
ich nun einmal so nach meinem Sinn ausführen, und hernach etwas ernsthaftes machen; wenn's aber nichts
gutes würde, wäre der Schade doch immer nur mein. -Ich kann nicht sagen, daß mich so etwas von meinen
Gedanken abbringen kann; inzwischen ich baue viel auf dieses Bild, wenn ich es fertig bringe, und das werde
ich; allein wenn es mir so einfällt, w e r einen am Ende versteht, oder w a s sie verstehen, oder was sie
wollen gemahlt haben für nüchternes Zeug, und daß ich durch dieses Bild grade mir hier etwas bewürken
möchte, einen Ruf, daß ich mich dadurch in Achtung setzen möchte -und es geht so quer: sieh', da gehört
Mühe, Courage, Sorge und Geduld für ein halbes Jahr dazu, und dann soll man bey alle dem den Leuten
kein bös Maul darum machen, weil sie sonst unwirsch werden, und soll sich selbst getreu bleiben, und am
Ende halten sie einen für einen gutmüthigen Narren, der soviel an so eine Kleinigkeit verschwendet,

-lieber Daniel, nimm mir das nicht übel, ich kann nicht anders, da muß ich einmal anfangen zu klagen.
Geduld kann man wohl haben, aber wenn's auch so fortgeht, und man muß sich auf allen Seiten von innen
herumhudeln lassen und soll noch immer kein schief Maul dazu machen, -es thut mir leid, daß ich das e u c
h vermach en muß, da ihr doch grade die seyd, die es mir auf alle Weise ersparen möchten; aber es soll
auch nicht wieder geschehen, ich will's in mich fressen, nur verlangt nicht, daß ich fröhlich, seyn soll.

Den 28. Ich bin gestern Abend ärgerlich gewesen, und will mich's heute erwehren, es setzt ja kein gutes Blut.
-Ich muß euch doch einiges von dem erzählen, was mir noch in Mecklenburg -u.s.w. begegnet ist. Wir
haben Neddemin, David's vorige Pachtung, abliefern helfen, wobey ich der Secretair gewesen bin; auch
haben ich und Carl taxirt, unter andern den Honig, der aber nicht alle werden wollte u.sw. Hernach bin ich
noch expreß nach Ramelow mit Carl gewesen, um die Erdbeeren und die Kirschen zu taxiren. Auch waren
wir am lezten Tage noch alle drey zum Friedländer Pferdemarkt. Von Jacob's Schwiegervater habe ich den
Auftraä, hier 20 bis 30 Schaafe zu kaufen; treibe ich die hin, so werde ich mich wohl in Berlin nicht lange
aufhalten können, will mir aber dann von Schwester Hellwig die fetten Schweine kaufen, da kann vielleicht
auf dem Rückwege in Berlin was mit zu machen sein. Unsre Schwester ließ mich bis Fürstenberg fahren, wo
ich ihr noch drey Fässer Butter auf Lieferung verkauft habe. Von da fuhr ich mit der ordinairen Post nach dem
armen abgebrannten Zehdenick; hier mußte ich beynahe 24 Stunden bleiben und es war nur eine schlechte
Streu zu bekommen. Ich besah mir das Bauen; Eine Mühle war erst wieder im Staiide, durch die Schütten
der andern brauste das Wasser, was prächtig aussah; ich war auch bis zum Walde und fing aus Langerweile
zulezt an auszuschnelden. Den Sonntag Morgen kam ich in Berlin. Bernhardi war der erste, der mir
begegnete; er sagte, daß Tieck's nicht hier wären. Am Montag traf ich Spaldings zu Hause; sie waren erfreut


und als wir recht in's Gespräch kamen, versicherten sie, daß ihnen halb wie in Dresden sey. Mit dem
Professor war ich Abends in dem Montagsclub, wo -der alte Nicolai (nun kannst du dir denken), Prof. Manso
als Fremder, Meil, Göckingk u. a. waren -sehr viel Wind, und das Ganze war, als müßte es doch gethan
werden, wie oben unser Ritt zum Pferdemarkt nach Friedland, obgleich wir da soviel zu thun hatten wie
Maybaum zu Aachen. -

Hier in Dresden aß, den Mittag, da ich wieder angekommen war, Hartmann grade auf dem großen
Rauchhause, da liegt der Thorzettel und steht darauf: "Runge, Mahler aus -Pommern;" so sagt da so ein
Kerl: "Das mag mir auch der rechte Mahler seyn;" ist aber auch dafür hernach gut herumgekriegt worden. -
Fridrich [Friedrich] aus Greifswald, ein Landschaftsinahler, ist auch hier angekommen, mit einem jungen v.
Klinkowström desgleichen; kurz die Künstler wandern recht aus von Pommern her, unser sind nun schon fünf
hier. -Zuletzt noch eine Anekdote, wie man sie auf Reisen sammelt : Ein Bauer läßt einen Jungen taufen,
worüber so große Freude ist, daß sie, wie sie deshalb in die Kirche kommen, den Namen vergessen haben,
den das Kind haben soll. Der Pastor sagt zu dem Vater: "Nun wie heißt er denn?" -"Ich heiße Johann
Georg." -"Das ist ja ein recht guter Name, da will ich ihm den geben?" Der Bauer besinnt sich eine Weile,
dann sagt er: "Nun ja, so geben S' ihn, da muß ich so herumgehen." Solche ungemeine Gutmüthigkeit ist
doch ordentlich rührend.

Daß Böhndel bey euch gewesen und zu mir kommt, ist mir sehr lieb, ich habe ihn schon lange erwartet. Der
Bury ist öfter bey mir, er sagt, mein Bild wird etwas ganz Bestialisches [gesp.] -Es ist wunderlich, ich kann
mich doch in die Leute nicht finden: H. meynte: in die Arabeske sey durch Zufall eine so schöne Allegorie
hineingekommen, wo ich gewiß nicht daran gedacht hätte, nur würde er das so benutzen, daß er grade
umgekehrt aus der Rose den ruhigen und aus der Lilie den hinaufsehenden Genius steigen ließe, weil die
Lilie doch höher ranke. Ueber so etwas kann ich doch recht betrübt werden, daß sich die Leute immer so ihre
Ueberlegenheit wollen merken lassen und sich damit selbst so anführen. Ich begreife es nicht, warum sie
andern das, was sie h aben, nicht zutrauen, oder, wenn sie es mit Händen greifen, es nicht zugeben wollen.
-Wenn ich Pauline vergessen kann, dann werd' ich auch so. -Sieh', das ist der lebendige Geist, der in der
tiefsten Sehnsucht liegt, das die Marter und Noth für ein Künstlerleben, daß der Künstler, wenn die erste
Liebe nicht glücklich ist, sie doch nie vergessen soll, weil sie das höchste Leben in sich schließt; daß er sich
der Stunden entschlagen muß, wo er ruhig werden könnte; -nicht, daß er, wie man zu sagen pflegt, nie reich
werden kann, sondern, daß er nicht leben und nicht sterben kann. Hier entspringt, wie immer, das
Allerschönste aus der allergrößten Unbequemlichkeit.
-Ich habe in Berlin einen heil. Franciscus gesehen,
von Correggio: Er reckt sich mit einemmal wie ein Geist von der Erde auf und stemmt sich mit den Händen
dagegen; aus einem Totenkopf, wie aus Tod und Verwesung, geht das Licht auf, das ihn von unten hAr
beleuchtet, und sich so gleichsam zwischen ihn und die Erde drängt. um sein Haupt wird der Himmel blau. -
Ich denke, das ist der heilige Franziscus !


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