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Philipp Otto Runge

An C. F. E. Richter in Leipzig


Dresd 2,137 # 21. Juli 1802

An C. F. B. Richter in Leipzig


Liebster Enoch, daß ich jemals in
der Welt zur Ruhe kommen werde, habe ich schon lange nicht mehr geglaubt, denn die Dinge, die sich in mir
durchkreuzen, häufen sich beständig auf's neue; doch das alles könnte ich ertragen, wenn Pauline mein
geworden wäre. Das wird sie aber schwerlich und ich könnte wohl sagen, gewiß nicht, wenn ich mich nicht
heimlich davor fürchtete, das zu sagen. Lieber B., ich wünschte von Herzen, daß das Leben erst zu Ende
wäre, es ist mir eine Marter, und noch dazu eine, die ich willig trag e, denn ich kann wieder nicht wünschen,
daß es jetzt zu Ende sey.Du möchtest wissen, wie und wo? Es ist kein Zusammenhang in mir, dies ist die
größte Pein, und wenn ich glaube, alles in einen Zusammenhang gebracht zu haben, so werden immer neue
Absonderungen entstehen, die mich nicht ruhig werden lassen. Ich muß dir das nennen so einzeln, wie es in
mir da ist. Ehe ich Pauline kannte, war es immer mein Trost, daß ich einst ein Wesen finden würde, das von
ganzer Seele an mir hinge. Damals konnte ich noch mit Sehnsucht in eine unbestimmte Zukunft hoffen; jetzt
ist nun das Bild bestimmt da, eben das, das ich vorher gekannt habe, ehe ich sie gesehen. Dieses wird von
mir getrennt; ich weiß nicht, ob sie mich liebt oder nicht; die innere brennende Sehnsucht ist der Quell,
woraus alle meine Kraft, alles, was ich hervorbringe, entsteht; ohne diese Sehnsucht bin ich nichts, als ein
unbesaitetes Instrument; die Erinnerung an sie immer frisch und lebendig zu erhalten, ist das erste
Nothwendige, denn dadurch kann ich sie nur verdienen.

Verdienen? das kann ich wohl nicht, denn wer v e r d i e n t so etwas? und doch kommt mir diese Gabe
nicht frey von Gott. Mein ganzes Leben kann ihr nur beweisen, daß ich sie liebe -und dieses Leben geht
über dem Beweis dahin und ich verzehre nlirh unter der Gluth. Sie kann mich hassen, und ich muß sie doch
ewig lieben, denn dies ist die Form, worin meine Sehnsucht gebannt ist; ohne ihr Bild bin ich nichts als eine
hohle Nuß. -


-Ich habe also keine Hoffnung, als auf den lieben Gott. Wie und wo ist es mir jetzt möglich, sie zu sprechen?
Diese Declaration ihres Vaters hat mir alles zerstört. Ob Daniel darin Recht hatte, weiß ich nicht, ich will es
auch nicht wissen, weil ich weiß, was daraus entstanden ist.

Nun sehe ich, daß ich weiter schreite in der Kunst, da.ß mir über die.Welt und mich selbst, über das innere
Wesen des Menschen immer neue Lichter aufgehen. Die Menschen, die ich kennen lernte, die mehr waren
als ich, die ich nicht begreifen konnte, sind seit den viertehalb Jahren alle an mir vorübergegangen, -ich bin
fest auf mich bestanden und sehe und begreife, däß ihr Wollen fast auf nichts hinausläuft; die KünstIer, die
mit zu den ersten unsrer Zeit gerechnet werden, stehen neben mir und verwundern sich über mich. -Was
ich tief empfunden, was ich treu und fleißig aus meiner Empfindung an das Licht gezogen, das will und kann
ich mit dauerndem Fleiß auch ausführen und vollenden, ich kann und muß auf diese Weise fortschreiten,
und ich sehe hier kein Ziel, wo ich nicht hingelangen könnte. Würkung auf die Meynungen des Zeitalters, die
raisonnirenden Parteyen durch die That zu überzeugen, ist ein glänzender Punkt in meiner Einbildungskraft,
und der mir nicht außer den Gränzen des Erreichbaren zu liegen däucht.

Alles dieses ist wahr, allein wenn mir dies auch Muth einflößen könnte für die Zukunft, kann es mich doch
nicht trösten, denn ich sehe mich eben dadurch aus allein Zusämenhang außer mir gestelltt es kann mich


nicht stolz oder hoffärtig machen, ich weiß, daß ohne die innere Sehnsucht zu meiner Geliebten dies alles
nichts wäre, daß ich dieser Sehnsucht ohne jene Würküng in mir nicht werth wäre -und daß ich durch beide
zu Grunde gerichtet werde. Ich kann keine Hoffnung fassen, ohne dies Würken; ich kann nicht würken ohne
diese Hoffnung, und diese geht in Grunde bey mir, -hier kann ich auch nicht wünschen, daß ich todt wäre,
denn Leben und Tod, beides ist mir dieselbe Angst. -Die Mühe und Zeit, die ich anwenden könnte, um mit
ihr, oder um sie zu sprechen, wäre falsch angewandt, denn nur dadurch, daß ich jetzt ohne Ruhe vorwärts
schreite, kann ich mich ihr einst wieder nähern; und die Zeit, die ich so fortarbeite, ist falsch angewandt,
wenn ich nichts von ihr weiß und sie nichts von mir.

Wenn ich auf mein Leben hinsehe, es liegt bitter und betrübt vor mir. Ich sehe die Ehre, die mir allenfalls
entgegenkommen kann, und ich soll diese, die kalte elende, als Entschädigung für die Liebe hinnehmen? -
Wo finde ich eine Seele, die für mich so leben möchte, wie ich für sie nur lebe? Es ist ein schlechter und
eitler Trost, daß es Vielen, ja den Meisten so geht. O ginge es mir allein so, dann wäre in der Wuth darüber
noch Trost, so aber ist es abgeschmackt, sich über etwas zu beklagen, das jeden trifft, das jeder vergißt und
verschmerzt -und das ich nicht vergessen kann und darf, ohne mich zu zerstören.

Was ich bin und werden kann -daß ich diese wunde Stelle, wo alle Nerven der Seele bloß liegen, immer
offen und reizbar erhalte, nur dadurch kann ich es seyn und werden. So ist keine Gnade, ich gehe zu Grunde
und kann mir nicht wünschen, daß es anders wäre, denn es kommt von dem Liebsten in der Welt.

Es kann und wird es kein Mensch fühlen, daß aus diesem Elende d a s entspringt, was ich hervorbringe;
denn das soll lieblich erscheinen, und auch das größte Kunstwerk, in welchem Schrecken und Entsetzen
hausen, ist beruhigend, weil es consequent ist, aber diese consequenteste Geburt ist aus den
inconsequentesten gräßlichein Schmerzen entsprungen und wenn es da ist, so denkt niemand an die Angst.
Alle diese Schmerzen bin ich nicht, und alle Liebe und Ehre, die uns für das wird, was wir hervorbringen, trifft
nicht uns, sondern nur diese Schmerzen; wer kann mich lieben ohne diese Zuthat, wo ist die innige einzige
Liebe, die unabhängig ist von dem, was der Mensch ist?

Und wenn ich nun weiß, daß sie mich liebt, und ich erlange sie nicht? Und wenn ich weiß, daß sie mich nicht
liebt ? Was bin ich dann ?

-Schreibe mir, was du kannst. Ich will dich gebeten haben, diesen Brief an Perthes zu schicken, aber an
keinen andern, und bloß für ihn, nicht für Daniel. -Es ist mir nie so schwer geworden, zu schreiben, wie jetzt.
Wenn ich nur erst Antwort von Hamburg hätte -und was sollen sie antworten ? -Ich habe dir hier zwar viel
gesagt, aber das eigentliche kann ich dir nicht sagen, wie ich es auch nur dumpf empfinden kann. -Bleibe
mir treu. Dein 0tto

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