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Philipp Otto Runge

An Daniel


Hambg 2,112 # 31. Januar 1802

An Daniel


---Nun zu meiner Antikritik über die euch eingesandten Zeichnungen, damit ihr doch mal seht, daß ich in
einigen Stücken auch ganz fest auf meinen Beinen stehe. Zuerst der Achill und Skamandros. Der euch zu
allerlezt gesandte Entwurf auf blauem Papier hat euch gefallen, obgleich es der allererste war. Auch mir
gefällt er noch beynahe am allerbesten; ich war da noch nicht so tief in die Allegorie hineingekommen und
wollte die ganze Sache nur so historisch behandeln, daher ich auch von den beiden Flußgöttern nur den Sk.
aufführte und den Augenblick mit dem Baum wählte, weil er da noch allein da ist. Hernach konnte ich mich
von dieser ersten Idee nicht ganz wieder trennen, und so wurde das Ganze, da nichts als der Baum übrig
blieb, und ich über allem Allegorisiren mich selbst untergrub, so ein Zerstückeltes. Daß nun Speckter und
ihr Andern nach Anleitung der Weimarschen Recension der Preiszeichnung (die ich noch nicht gelesen
habe) diese erste Zeichnung auf Blau für die richtigere haltet, daß ihr sogar sie dem Goethe entdecken zu
wollen Miene macht, daran thut ihr sehr unrecht; denn das ist doch wohl eben nichts Besonderes von mir,
daß ich verschiedene Gedanken über denselben Gegenstand haben kann ? Ich sollte doch meynen, die
Hauptsache bestände darin, den richtigsten Gedanken erlesen zu haben, und habe ich das gethan ? Es
würde so ein Hinterdreinkommen seyn, als wenn ein Räthsel aufgegeben wird und nun die Auflösung gesagt
ist, da denn alle Leute klug sind, das ist aber nichts

Und nun über mein Portrait. Ich danke dir, liebster
Daniel, für alles, was du darüber geschrieben und den Andern abgemerkt hast #1, besonders für Hardorf's
Urtheil. Ich wollte, ich hätte ihn näher; es ist wohl wahr, was er gesagt, daß in mir die Sehnsucht nach dem
Ideal erwacht; glaubt aber dabey nicht, daß ich mich von der treuen Nachahmung der Natur losgerissen
habe. Daß ich freylich auf dem Wege war, läugne ich dir nicht, und daß mich diese Recension wieder auf
mich selbst aufmerksam machte, so daß ich nun einmal wieder umkehre und zusehe, ob es auch wahr ist.
Ein klein wenig, glaube ich, bin ich übergeschnappt gewesen, war schon aufmerksam auf mich, konnte mir's
aber selbst nicht ganz deutlich machen, bis ihr es thatet; nun stehe ich fest. Aber nur so weit sollt ihr Recht
haben, das übrige widerlege ich euch nächstens durch ein neues Portrait, was denn die allergründlichste
Widerlegung ist. Dieses euch gesandte war freylich einer Recension fähig, allein doch nicht einer so
strengen, wie ihr es genommen habt. Weil ich eine Zeitlang würklich darauf dachte, zum Ideal überzugehen,
so mußte ich Versuche machen, wie von der Natur der Weg dahin führe, und so ein Versuch war dieses; an's
Allgemeine habe ich mich dabey nur gehalten, weil ich eine besondre Idee wegen derWürkung auch
geschwinde executiren wollte, auch habe ich nur zwey Tage daran gearbeitet, und daß ich wohl noch
ausführen kann, davon muß ich euch durch die That überzeugen. Daß vieles darin verunglückt ist, z.B. das
Licht, hatte ich schon geschrieben. Ich könnte noch mehr sagen, es ist jedoch nicht nöthig; da ihr aber die wahren Recensenten für mich seyd,
so könnt ihr euch auch darauf verlassen, daß ihr euer Talent anzuwenden Gelegenheit haben sollt. Ich werde
euch mein Amorsbild nach der hiesigen Ausstellung auch schicken, Perthes kann es vielleicht abholen.
An Perthes und Karoline tausend Glück zu ihrer kleinen Louise, ich freue mich mit ihnen und es ist nichts
angenehmeres, als wenn so jemand das Licht der Welt erblickt hat, es ist recht ein schönes Licht, möchte ich
es einmal ganz erblicken können, dann verdiente ich auch das Zutrauen so, wie ihr es mir unbedingt gebt.
Meine ganze Liebe bleibt bey euch, laßt die eurige auch so bey mir bleiben .

1 | Der Herausgeber findet es nicht überflüssig, das Wesentliche aus seinen Briefen hier folgen zu lassen:
"Dein Portrait hatten wir hier mit dem altern aus Kopenhagen beysammen. Herterich (der dich recht grüßen läßt) war keinen Augenblick zweifelhaft/ er gab dem früheren bey weitem den Vorzug, fast in allen Stücken; es ist Natur, und kräftig gezeichnet, dahingegen das neuere den Mangel an Ausführung in jedem Strich verrathe. Er bittet dich um alles in der Welt, dich noch an nichts anderem zu halten und zu wagen, als an der Natur und den schönen Formen der Antike, und in der Zeichnung stark und gewaltig zu werden; es sey ewig Schade, daß soviel schönes Zeichnungstalent sich allenthalben unvollendet zeige; das so frühe Streben nach dem Ideal sey Verderben für dich/ du mögest immer vor Augen haben, was Goethe sagt: "Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmuth hervor," also, auch mit Vernachlässigung des Geschmacks, der Natur, wenn sie auch noch etwas rohe bleibe, angehangen. - Hardorf, der von allem nur das Portrait gesehen, ist eben dieser Meynung, allein was er eigentlich sagt, ist immer so verzweifelt gründlich, und er ist überhaupt ein so liebenswerther Mann, daß man es gar zu gern alles wieder sagen möchte, nur aber - nicht wohl kann. Auch dieser vermißt, was jener nicht finden kann, aber ich will lieber bey seinen allgemeinen Resultaten bleiben (wovon er zwar eigentlich nicht will, daß wir sagen sollen, denn er ist etwas besorgt, daß es bös Blut setzen möchte, und meynt es doch nur so gut): Es sey natürlich, daß diese Periode, die Sehnsucht nach dem Ideal, die Em" pft'ndsamkeit, der Geschmack, bey dir herankomme, denn keiner sey ihr noch entgangen, und sie habe schon so manchen verdorben -. Das nun werde sie nach seiner feurigen Hoffnung nicht dich, ja er setzt ihr das Ziel so nahe: Wir sollten dir nur um ein Jahr dieses Blatt einmal wieder schicken und um dein Urtheil bitten sagt er. - Die Vollendung im Geschmack führe nothwendig, auch in den besten Meistern, etwas Ermattendes und weniger Volles mit sich; wieviel mehr die Neigung dahin beym Jünger. Dieses sey dir zugleich ein Beweis, daß er das würklich Schöne in diesem Kopf (was uns Andre so sehr hinriß) keinesweges verkennt, sondern ganz faßt. "

"- Es ist nach Asmus Bemerkung keine Kleinigkeit, über
eine Sache zu schreiben, von der man nichts versteht. Es ist
die Hauptidee der beiden Künstler oben gewiß sehr verworren ange
geben worden; ich' will versuchen, mit ganz wenigen Worten das
Hauptsächliche noch nachzuholen. Obgleich an deinem Idealkopf (von
dir selbst) die Stellung der Natur äußerst gut abgesehen ist, und das
Ganze, besonders in einem gewissen Helldunkel wahrgenommen, eine
frappante Würkung macht, und in sofern auch viel Aehnlichkeit hat,
so ist doch auch wieder auffallend, daß die Künstler hier gleich beym
ersten Blick bemerken, es sey wie ein Gypskopf, und dieses grade
gar nicht loben wollen. Hardorf, der nicht müde wird, an dem Kopenhagner Kopfe das äußerst Correcte zu loben, womit jeder Zug nach
der Natur herausgehoben ist, will behaupten, daß alles dieses sich in
dem jetzigen Kopfe ebenfalls befindet, allein so sehr rund gehalten
und verschwommen, daß es nicht allein der Bemerkung entgeht, son
dern auch eine den Eindruck sehr schwächende Würkung macht. So lebhaft er dir das sorgfältige unermüdete Studium der Antike, als der achten Quelle alles Geschmacks empfiehlt, so ist doch dieses nur als Studium. In deine eigenen Producte, von was immer für einer Art/ räth er dir hingegen, so wenig als möglich, ja wo möglich nichts, von jenen Idealen zu übertragen, sondern darin ganz deinem eignem Geist und der Natur zu folgen. Sollte eine solche Trennung dir auch schwer und selbst schmerzlich fallen, so rathen sie doch beide recht sehr dazu, indem es für die harmonische Fügung noch zu frühe bey dir sey, wie der Erfolg lehre, und aus schon angeführten Gründen. - - Ich nun als Referent mache meine Sache hiebey nun aller Wahrscheinlichkeit nach am allerschlechteften; allein was Henkers, warum können die Menschen denn auch so gut über eine Sache sprechen, und so wenig die Feder darüber führen? Da denk' ich denn, was ist besser als gar nichts, und anstatt das Wichtigste, wenn man es einmal geäußert hat, dann aus lauter Furcht und Bescheidenheit vom Papier wegzulassen, könnte es doch auch zu was nützen, daß ich wenigstens den äußern Begriff davon dir bestmöglich mittheile. Du wirft also nicht unwillig werden, sondern vielmehr alles in Liebe tragen, und so in deinem Geist digeriren, daß ein richtiger Saft und Sinn herauskomme, uns auch deine Ueberzeugung nicht vorenthalten, weil dein Raisonnement niemals, ja am allerwenigsten, bey uns an den unrechten Mann kommt, noch verloren geht. - Hardorf bezieht sich bey solchen Gelegenheiten immer auf Erfahrungen, die er am eignen Leibe gemacht hat, und die, besonders wegen Idealportraits, recht merkwürdig sind."



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