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Philipp Otto Runge

An Carl


12.01.1802

An Carl


Dresden den 12. Jan, eigentlich den 13, aber der 12te ist doch besser #79 (1802)
Erst heut nachmittag habe ich deinen brief gekrigt und weil meine Freude über deinen brief recht lebendig in mir ist, so will ich dir eine solche auch gleich wieder verursachen, mache du das doch auch so, den(n) du wirst meinen brief über das Weihnachten doch auch erhalten. wegen eurer Pachtgeschichte hat mir Vater schon geschrieben, und ich wünsche dir und Hellwigsch viel Glück dazu, den Gefallen kann ich dir und auch Hrn v. Hahn wol thun und ihm besuchen, vileicht krigt noch jemand, ein geschickter und gescheuter Mensch, nahmens Faber, von den ich auch schon an Dav(id) schrieb, auch den Einfall, sich im frühjahr oder auch künftigen herbst, sich in Mecklenburg durch Portraits was zu verdienen, da wäret ihr, sowohl wie noch mehr Hrr. Hahn die wahren leute, ihn zu recommandiren. einen Stuben Cameraden habe ich nicht wieder #80 und nehme ich auch nicht wieder, den(n) damit ist keine Möglichkeit auszukommen und wenn man sich auch noch so genau kennt, das lernt man erst, wenn mans versucht hat. der Eiffe ist ein sehr braver Mensch, allein damit ist man sehr wenig, wenn man nichts weiter ist – du weist „wer nicht liebt Weib, wein und Gesang etc". ein Künstler oder wer sonst nicht allein kein Narr sein will, sondern sogar für gescheut passiren, der muß den aller besten Wein, die aller schönste frau und den aller vortreflichsten Gesang nur lieben, so mein ichs, ich denke du verstehst mich.

hör mahl aller liebster Carl, das(s) du verliebt bist, ist ganz vortreflich – den Gelehrten ist gut predigen – ich meine du wirst mich nun um so besser verstehen, das meine ich auch, das(s) man ein ganz andrer Mensch darnach wird, was aber unser Daniel für ein vortreflicher und unbegreiflich lieber, lieber Mensch ist, da hast du noch keine rechten Begriffe von, willst du mahl die Briefe lesen, die er mir über meine Liebes Afaire geschrieben, so sag mir das nur, dann schicke ich sie dir zu, da kannst du ihn ganz aus kennen lernen. was du mir schreibst von deiner Verliebtheit, freut mich heftig, ich lache dich aber nicht aus und bey mir bleibt es auch, denn ich weiß ja noch nicht einmahl was ordentliches aus zu plaudern. Ich will dir aber auch was schreiben, was du bey dir behalten sollst, sieh mahl, es wäre doch ein entsetzlich großer Jubel, wenn D(aniel) im frühjahr zu hause käme und ich auch, und du könntest mir dann nicht allein deine Braut zeigen, sondern ich dir auch die meinige, das Projeckt bleibt aber völlig unter uns beide, den(n) erstlich ist es nur ein bloßer, gleichsam hübscher Gedanke von mir, zweitens weiß Vater und Mutter noch nichts davon und drittens ist das Mädchen noch gar nicht mahl mein, aber doch ist es möglich, das(s) es sich executiren ließ, denn es läuft gegen die Zeit doch viel Wasser bergunter. und um es dir einiger maßen begreiflich zu machen, sage ich dir wie die sachen stehen, du wirst wissen, daß es unendlich schweer hält, hier in einen Hause zutritt zu erhalten, daran arbeite ich nun, mit welchen unendlichen Pfiffigkeiten ich aber zu werke gehen muß, das glaubst du nicht, den Veith #81 hab ich nun als Gehülfen dazu und so viel hab ich heraus, daß sie alles anwenden, um es der Pauline zu verbergen, daß ich verliebt in sie bin, sonst steht alles in feuer und flammen, das klingt dir aber wahrscheinlich nicht sehr schön, aber die Leute wissen ja gar noch nicht, daß es mein Ernst ist, zweitens, daß es auch mein Ernst seyn kann und dann kennen sie mich auch nicht; so hat die alte Graff – welches ein vortrefliche frau ist, Veith neulich gefragt, wie es denn eigentlich mit mir wäre und der hat ihr den(n) meine Absichten grade zu zugegeben und sie hat gesagt, daß sie glaubte, es würde nicht den geringsten Anstand haben, und diese frau ist mit P:(auline) ihr Mutter so ein Leib u. eine Seele, das sind also ganz gute Adspeckte, der Kessel ist itzt übern feuer. der Veith will mich auch noch ganz an die Mutter verrathen, und so werde ich nächstens dort im Hause eingeführt seyn, bey alle dem thu so als wüste ich nichts davon, daß sie es wissen. Was die Pauline aber für eine vortrefliche Seel ist, das glaubst du nicht, die Schwester hat zu Veith gesagt, die wäscht so fürchterlich und wird mit einmahl so voll, daß wir sie vom Morgen bis abend in der Arbeit halten, die darf gar nicht zu athen kommen, sie muß waschen und kochen und alles was das Zeug halten will sonst erfährt sie was und da wär sie nicht zu bändigen. du siehst also woll, daß es so schlimm gar nicht steht, wenn ich nur noch ein bisgen Gedult haben kann, dann muß Vater und Mutter es natürlich auch erfahren, und nun, wenn es denn so im frühjahr käme, daß die ihre Anverwandten in Berlin besuchten, ich reise mit und du holst mich, die Pauline u. die Mutter dort ab, was würde das zu hause und bey Euch prächtig seyn. ich denke, wir freuen uns erst über diesen Plan, tuhe du von deiner Seite das deinige zur Ausführung, ich hab das meiste dabey zu thun und das will ich zustande zu bringen suchen, aber laß es ganz unter uns, sonst ist es so dumm wenns nicht gelingt. Sontag tanze ich wieder und bin ein richtiger tänzer vor den Herrn, vorige Woche bin ich 2 mahl aufm Ball gewesen in privat häusern, das letzte mahl mit Tiek – das ist ein scharmanter Kerl, ich werde hier itzt auch schon sehr berühmt durch lichtmanschetten und habe schon verschiedne sehr hübsche freuleins und andre vortrefliche Kinder sehr freundliche Gesichter abgelockt, ich komme nun erst, da ich Sprectakel machen muß, dahinter, welche Gaben zu einen Windbeutel in mir verborgen sind.

Ich arbeite nun an Jacob seinen Thürstück #82 zur Ausstellung, es wird auch Effect machen hoffe ich – es ist recht hübsch, so weit mit einer Arbeit zu sein, daß man ruhig daran fortarbeiten kann. ich mahle den ganzen tag, so lange wie es nur tag bleibt, ich hab heut nicht mahl gegessen, –
bisweilen hätte ich recht große lust bey euch zu sein, wenn sichs nur so geschwind thun ließe, aber laß mir doch nicht so lange auf einen Brief von euch warten, da ich dir doch auch die Plaisir verschaffe. ich schreibe dir nun nicht eher wieder als bis ich nachricht von dir habe, dann sollst du auch Daniel seine Briefe und die Beschreibung von den thürstück haben. geht es nicht an, daß du mir mahl eine Reisebeschreibung durch Seeland schickst, wenn sie noch bey David ist?

daß ihr so ziemlich munter seyd, ist mir sehr lieb, ich habe auch einen gesunden Apetit, es wässert mir das Maul, wenn ich was rieche oder nur von was höre was gut schmeckt,
Das ist wol ein Curjoses tanzen gewesen auf David seiner Hochzeit, grüße ihn und die neue schwester nur heftig, ich habe über Daniel auch neulich an Mrieken u. dich geschrieben, das wird er ja wol besorgen. – Adieu, ich hab nun das sitzen müde von morgen an, nun ists 8. ich muß sehn, ob ich nicht noch ein bisgen neues erfahren kann, hör mahl in Neuwiet oder bey – soll man eine alte römische Stadt unter der Erde entdeckt haben und schon verschiedne Kuppeln ausgegraben seyn, ich wolte das wäre wahr. Grüße alle tausendmahl. O! du vortreflicher, ich bin dein

Otto

d. 14 – an die Kinder schreib ich heut noch nicht, es ist hier schändlich kalt jetzt und friert 12 bis 14 grad – wohl dem der verliebt ist, er ist noch eins so warm

tout a toi.

79 Der 12. war bekanntlich Carls Geburtstag.

80 Runge wohnte zunächst mit Eiffe zusammen.

81 siehe Personenverzeichnis.

82 Der Triumph des Amor war auf der Dresdener Ausstellung gezeigt.



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