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Philipp Otto Runge

An Heinrich Joachim Herterich in Hamburg


Kopenhg 2,032 # 26. November 1799

An Heinrich Joachim Herterich in Hamburg


Lieber Herterich, wie sehr habe ich mich gestern gefreut, daß ihr wieder da seyd; so sehr als wenn ich selbst dabey gewesen wäre ! Ich hätte es gerne jemand gesagt, aber ich hatte niemand; nun will ich denn, ohne Zeit und Papier zu ver lieren, euch meinen Zustand erzählen. Mein Portrait, das ich so reinlich wie möglich arbeitete, bewürkte mir beym Pr. A.[Abildgaard] die Erlaubniß, auf seinem Zimmer zeichnen zu dürfen, und die erste Figur, die ich dort zu Stande brachte, daß ich nach Gyps zeichnen konnte. Ich fing den Homer an; ihr wundert euch vielleicht, wie ich grade dabei angefangen. Lieber H., mir kommt es sehr sonderbar vor, daß die jungen Leute erst nach den idealischen Köpfen zeichnen sollen, worin doch alles, was sie ausdrücken sollen, weit schwankender oder allgemeiner ist. Ein individueller Ausdruck muß uns anfangs weit mehr reizen, und ich glaube, wir können nur durch die vielen individuellen oder durch vieles in der Natur selbst (durch Portraits) die idealischen verstehen lernen; es ist mir grade so, man kann sich, wenn man anfängt zu zeichnen, nur durch grobe und feine Striche, durch grelle Abstiche aus drücken, dies ist die Natur, und wenn man weiter kommt,so lernt man erst alle Abstufungen des Lichts und alle Reflexe kennen. Wenn einem aber alles mit einemmal gesagt wird, so muß einer verwirrt werden, und kann nichts von , ilem be greifen, was er macht. Der erste Anfang nach Gyps zu zeichnen könnte, wie mich dünkt, immer besser gemacht werden, nämlich nach Armen und Beinen, nach Körpern oder Gefäßen, man würde dadurch nicht in dem Ausdruck rnißgeleitet. Wie habe ich mich davor geängstigt, das Gefühl zu verlieren; daß ich einst ein Gesicht zeichnen könnte ohne Ausdruck, ohne daß nur irgend etwas anders da wäre, als Augen, Mund und Nase; und wie kann ich michnoch davor ängrstigenl Sonnabend kam Abildgaard durch den Antikensaal und sah mir zu; ich bin mitVorsatz bei diesem Kopf so tief im Schatten und so hoch im Licht gegangen, wie es nur möglich war; er wunderte sich über meine schöne Kreide und sagte, ich sollte eine Probezeichnung auf der 2ten Classe machen, um zu avanciren -. Gestern kriegte ich den Kopf fertig, womit er äußerst zufrieden war; er sagte, sobald die Tage etwas wieder länger würden, wollten wir anfangen, zu mahlen, solange sollte ich nur immer zu nach Gyps zeichnen. Ich habe nun das Familienstück bey Lahde bald fertig, dann werde ich zu Juel gehen und sehen, ob ich dort vielleicht was ausrichten könnte, weil ich doch lieber bey ihm mahlte.
Mein Bestes soll nun seyn, daß ich nach Körpern zeichne, weil ich darin gar weit zurück bin. Denkt nicht von mir, lieber H., daß ich eitel wäre, weil ich noch ein Stümper bin und schon so weitläufig über die Kunst spreche. Die Vorsehung hat mich in meiner Empfindung und meinen Hoffnungen gar wunderlich geleitet, und mir Aufschlüsse gegeben, wo ich sie auf hundert Meilen nicht vermuthen war. Ich habe mir oft Sachen recht schön und lebhaft in der Zukunft gedacht, und wenn ich mich umsah, waren sie erfüllt; darum sind mir öfters Sachen, wie z. B. der hiesige Antikensaal, so fremd gar nicht vorgekommen, ich kannte alles, aber derGedanke an die Würklichkeit, daß nun meine Ahnungen so genau eintrafen, flüßte mir in dem ersten Augenblicke einen Schauer ein. Ich war zu Hause in dem Laokoon, aber daß er nun würklich da vor mir stand -ich erschrack in dem Augenblick, wie mir das einfiel, und wie ich meine Augen nun allmählig wieder in die Höhe leitete, war mir's als wenn sich seine Brust mit einerainal anschwellte, um ein fürchterlichesAngstgeschrey auszustoßen; in dem Augenblick fühlte ich's, was die Kunst ist -. Ich habe oft Gedanken bey mir über ein schönes Gesicht gehabt, und noch kann ich das nicht finden, was ich immer gesucht habe; doch habe ich in einzelnen Menschen etwas gefunden, und diese Menschen sind mir dann so bekannt, daß mich dünkt, ich kenne sie durch und durch; das ist denn freylich nicht wahr, aber es läßt mir immer die Hoffnung, dies Bild auch einmal erfüllt zu sehen, was so weit im Hinterhalt liegt.


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