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Philipp Otto Runge

An Friedrich Perthes


An Friedrich Perthes Copenhagen 1 Nov 1799

An Friedrich Perthes


Lieber Perthes
Mein lieben brief an das Haus von voriger Post wird Ihnen gehörig bekannt sein, daher mache ich gar nichts von reisebeschreibung, sondern fange meinen brief sogleich mit einen guten abend an die frau Caroline, den Besser, mama, lottchen und das Herrliche Kind an. + ich mus mit meinen Berichten sehr methodisch zu werke gehen, darum will ich meinen völligen Eintritt in meinen fach in einen ofnen brief an Hardorff schreiben +, und hier itzt eine lebensbeschreibung von mir machen, die mir sehr sauer werden wird, wenn ich unpartheiisch dabey sein wil, da ich sehr dabei zu kurz komme. Vorher aber noch dis. Hr. Secr. Sander wundert sich, daß sie mir nicht einen Adrbrief an ihn mitgegeben haben und ihnen zum tort (so scheint es) nimt er sich meiner sehr an, dar aus werd ich ihm zu beweisen machen, daß dieser brief völlig überflüssig gewesen wäre.

Nun zur Sache: ich habe mich beschuppen lassen und muß ein sehr fatales Lehrgeld bey meinem Eintritt in die Welt geben. Die Geschichte mit meinen umziehen ist aus den v: br: #32 bekant, wie ich also hier her ziehe, find ich es gar nicht so nütlich, wie ich mir das in meinen großen Saal geträumt hatte. die große Lust bald in meinen Status zu kommen hatte mich hier so viel über sehen lassen+, daß ich nun erst das Vergnügen hatte es alles zu sehn zu kriegen, erstlich war der Eingang und Aufgang nach meinen Zimmer so schlecht, daß kein ordentlicher Mensch ihn passieren konte. 2) da ein sehr kleiner Hoff dabey ist und im Hofe gewaschen wird, unten im Hause ein sehr fataler gestank. 3.) wie ich die erste Nacht hier schlief, empfand ich so einen Juck, daß ich es nothwendig für Wanzen halten muste (dis hat sich aber nicht wieder gefunden und es ist wohl so ein Jucken im blut wie Trim seins gewesen). 4. sah ich, daß die leute mich beschupt hatten und 5) fuhren sie fort mich zu beschuppen.

+ Nun kam der junge Doctor Ehlers, von den ich ihnen und Besser gar viel grüßen soll und der bey dieser Gelegenheit mein sehr guter freund geworden ist, und lachte mich aus, gab mich auch unverblühmt zu verstehen, daß ich dumm gewesen wäre, ließ mich darauf sein Zimmer sehen, wofür er nicht mehr gäbe, sagte, daß reputirliche Leute die mich einmal besuchten, wegen den infamen Aufgang nicht wieder kommen würden und daß besonders Hr. Schifter, wenn es der in Erfahrung brächte, sehr böse werden würde, durch diese und ähnliche data, die mir mein eignes Gefühl schon an die hand gegeben hatte, wurde ich ganz verzagt und viel in eine Art von Verzweiflung einen halben tag. dann ging ich zu E. und sagte es ist zwar recht gut, daß sie mir da die wahrheit gesagt haben, damit ist mir aber nicht geholfen, und wenn sie was wollen, so geben sie mir einen guten rath. durch diesen guten rath ward es nun so arrangiert: ich sagte, weil es gestern der 31 te war, meinen Hrn. Janssen auf, bleibe diesen Mt noch hier, während dessen spühre ich was anders auf, wo zu E. wegen seiner großen bekandschaft hier mir vorzügl. behülfl. ist, indeß hat dieses Uebel etwas gutes mit sich gebracht und wird vieleicht noch etwas besseres bringen, der Ehlers ist mir bey der gelegenheit sehr lieb geworden, ich ihm + und 2) hat Sander mir Hofnung gemacht, daß ich bey ihm im Hause zu logieren kommen könte, wo auch ein Kupferstecher und ein junger Mahler aus Dresden residirt, letzterer versteht die Perspektive sehr gut.

bey Ehlers habe ich auch gestern Abend 2 junge Grafen Reventlow kennen gelernt, wovon der eine besonders hübsch war, ein Empfehlungsbrief an Abilgor hätte mir gewaltig viel nutzen können, doch würde der nun zu spät kommen, da Sander und ein Mahler Lorenzen mich introducieren werden.
+ Rist läßt Sie sehr grüßen, er wird bald selbst schreiben und befindet sich recht woll, er hat mich bey leuten gebracht, wo ich des mittags speise, wo eine gewaltige faßliche Mama ist und eine besonders hübsche französische mitspeist, heute bin ich schon durch die Kunst kammer gelaufen, das ist ein erschreckliches Chaos von sachen durcheinander, Herr Green bracht mich dorthin. wir sind nur eine Stunde dort gewesen und haben also von den Sachen ins besondere eben nichts sehen können, die Gemählde sammlung ist so sehr gros eben nicht, doch scheint sie mir sehr gewählt +, die luft ist hier noch eben so dick wie in Hamb: und es stinkt auch eben so süß. die leute sind aber nicht so gut. darüber klagt besonders Hr Green, +ich habe während dieser Zeit mein Portrait #33 angefangen und mögte es gern am Montag fertig haben, wo ich vorgestellt werden soll, über der Arbeit bin ich wieder ruhig geworden, woraus ich durch die Oeconomie sehr heraus gerissen war, und auch durch andere sachen, die künftig erfolgen, ich bin zwar nicht mehr in Hamburg aber Hamb: ist doch noch in mir und es kann mir hier auch noch so gut werden, das gab mir wieder die lust fort zu leben und zu wirken+, leben Sie woll lieber Perthes und Sie liebe fr. Caroline. grüßen sie in W: #34 von ganzen herzen und küssen das Neeschen und schreiben sie mir bald, ich habe so viel geschrieben, daß ich das wol erwarten kann

Otto.

32 | vorigen Brief.

33 | es handelt sich um die hier abgebildete Kreidezeichnung des Pommerschen Landesmuseums, Stettin.

34 | Wandsbeck, wo Claudius, der Vater Carolines wohnt.



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