Philipp Otto Runge
An Dr. Karl Schildener in Greifswald
An Dr. Karl Schildener in Greifswald
Ich hätte, aufrichtig gesagt, keinen Brief von Ihnen erwartet und er ist mir daher um so lieber auch noch darum, weil ich daraus merke, daß Sie an mir eben soviel Geschmack gefunden haben, als ich an Ihnen und so gebe ich Ihnen gern die Hand. Daß Sie mit mir in Briefwechsel treten wollen, ist mir recht lieb. Ich habe nur einige Einwendungen zu machen, nicht wider Ihren Gegenstand, sondern in Betreff Ihrer Art, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Wenn ich freylich Sie wäre, würde ich es wohl eben so machen; Sie sehen die Kunst von außen an, aber ich, lieber Schatz, bin darin, oder soll doch wenigstens hinein. Wenn Sie sich freuen über die herrliche Compositiun in einem Gemählde, so hat unser eines genug mit dem Mechanischen einzelner Theile zu thun und der große Eindruck bringt einen würklich nicht zum Ziel. "Stufenweise steigt der Mensch zur Vollkommenheit empor," das ist freylich nur aus dem gestiefelten Kater, aber es geht doch auch nicht anders zu, hat auch noch wohl keinen Menschen gegeben, der von vornherein das Ganze übersehen hätte, was er hat lernen wollen, und bey einem Mahler ist doch das Machen eine viel größere Hälfte als das Einsehen. Wo soll der Muth herkommen, wo man gar nichts mehr von dem hält, was man selbst kann, und dies könnte doch wohl bey einem Schüler nicht anders als der Fall seyn, dem alles das Schöne in den großen Meisterstücken so geläufig wäre? Der Muth fällt einein schon so oft genug, es braucht es nicht, daß man sich am Anfange des Weges schon alle Abwege und Gefahren aufschreibt; auch kann kein Mensch das alles mit einemmal behalten, es ist am besten, wohl zu wissen, daß viele Abwege vorkommen, daß man aber erst dann sich davor hütet, wann sie vorkommen.
Wozu also, lieber Schildener, sollte mir dieses Raisonnirenn, da mir es alle Lust zu arbeiten auf Tage und bisweilen auf Wochen rauben würde? Ich will Sie aber damit nicht gestört wissen, sondern mich nur entschuldigen, wenn ich nicht aus dem Ton antworte; Ihre Briefe werden mir, wenn Sie mir nur dieses erlassen, desto angenehmer seyn, da die Beantwortung meinerseits mich nicht in einen Zustand versetzen wird, in den ich nicht gerne kommen möchte. -Uebrigens nur noch einiges wegen der Mahler, die Sie anführen.
Sie haben den guten Rembrand vergessen, und gethan, als ob er gar nicht in der Welt wäre. Mich dünkt, jeder große Mahler hat so seine Liebhabereyen gehabt; in allen Dingen ist doch keiner der größte gewesen. So groß Rafael im Ausdruck und in den reinen Formen seiner menschlichen Figuren ist, eben so groß, dünkt mich, ist Rembrand in dem bezaubernden Lichte seiner Werke, so komisch er auch bisweilen in seinen Figuren uns vorkommt, und wenn es bey ihm alles nach der Holländischen Kleidung schmeckt, so sieht man doch an dem Licht, das er über diese Figuren ausgießt, den gewaltigen Geist, der mit eben der Sicherheit hindurch in das innerste unsrer Gefühl zu dringen weiß, es eben so sehr in seiner Gewalt hatte,wie Rafael in seinem Fach; auch, dünkt mich, stehen er und van der Neer in eben dem Verhältniß gegen andre Mahler dieser Art, wie Rafael in Schönheit der menschlichen Figuren gegen Andre im Verhältniß steht.
-Leben Sie recht wohl, ich habe bey Perthes doch von Ihnen gegrüßt und meyne es darum eben so gut wie Sie, es ist doch eine feine äußerliche Zucht und so ein Nachklang, der anzeigt, daß man noch in der Welt ist.
Ich grüße Sie auch. -Mein Bruder Carl ist hier und in acht Tagen reise ich mit ihm und Mama Perthes nach Wolgast, um deren Tochter wieder abzuholen.
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