Philipp Otto Runge
An Carl
An Carl
Lieber Carl. nun denkt Daniel mit aller Macht ans Reisen und ich hoffe er wird in 8 Tagen schon dazu kommen. es geht nun alles recht gut, wir haben eine Herrliche Reise gemacht. es war eine ordentliche Muster Carte von schönen Gegenden. wir haben alles nur im Fluge gesehen und es lassen sich nun nach dieser Probe schöne Projecte zu einzelnen Fußreiseen machen. wir fuhren von hier über Gersbeck nach Lübeck, gleich 1 Meile von hier in Poppenbüttel ist es außerordentlich schön, und ich werde da gewiß noch oft hingehen wegen Zeichnungen, die sich da von einzelnen Partien gewiß sehr gut machen lassen. in Gersbeck ist es nun vorzüglich schön, aber es regnete grade wie wir da waren; in Olderlohe sah es gar Curios aus. die Oefen standen noch zum theil, und die fußböden, in den mit Fliesen gepflasterten Stuben, waren noch gut. wir fuhren durch die Straßen und sahen die Stuben ohne, daß die Wände einschlossen. die bäume in den kleinen Gärten neben den Häuschen waren alle halb und zum theil ganz verbrannt. die Kinder Spielten unter den Schutt herum und obgleich die alten leute gar nicht traurig aussahen war es doch sehr traurig anzusehen; weiter in Reinfeld wo Papa (Claudius) erzogen und geboren und wo sein Vater 40 Jahr Prediger gewesen, war es am schönsten auf den ganzen Wege nach Lübeck. es regnete nur die ganze Zeit über, daß wir da waren. der weg wird da ganz anders und man fährt beständig durch thäler und über die schönsten Hügel. der Regen und Sonnen Schein geben der ganzen Gegend ein sehr freundliches Ansehn und es sieht so sonderbar aus, daß die felder alle mit lebendigen Hecken eingefaßt sind. die Kornfelder sehen darin aus, als wenn immer Holz dazwischen wäre, ich will dir weiter nichts sagen, als das(s) in Panzdorf auf dem Wege von Lübeck nach Eutin ein kleiner krummer Mann, der auf die Flöte spielt, die Gäste in den Wirths Hause empfängt und seine werthe Person, die ohn gefähr so hoch wie ein Tisch ist und deren Kopf ungelogen mehr als den Drittel des ganzen Kerlchens ausmacht, gehörig präsentirt; ich kann dir weiter nichts davon schreiben, weil man dis rare Stck. sehen mus, wenn man es ganz fassen will wie rar es ist; D. kann dir mehr davon erzählen. in Eutin ist ein prächtiger Engl. garten als bisher von mir noch eingesehen worden, auf dem wege von Eutin nach Plöhn (wo die schönen Plöhner Ale sind) trafen wir einen Kahlen Hügel von welchen wir 13 land Seen erblickten, so etwas prächtiges hab ich eingesehn, was sonst in Plöhn noch zu sehen ist und vorzügl. zu schmecken, ist für diesen augenblick über meine beschreibung. Von Plöhn nach Lütgenburg hatten wir die schönsten Gegenden u. das schönste Wetter und die dickste Frau (in Rantzau) zu erleben; in lütgenburg aber die Heslichste Stadt, der schrecklichste Koth und die größte Menge von Wirtshäusern, die ich nur in meinem leben gesehen habe; von da fuhr Claudius sein bruder, welcher Artzt daselbst ist, mit uns nach Kiel und nahm Perthes, Dan:(iel), u. Sp:(eckter) mit auf seinen Wagen, auf diesem Wege krigten wir die Probsteyer, von welchen Dan. dir eine Zeichnung mit bringen soll, zu sehen, in Kiel erlebten wir die großen Sündfluth über uns und weiter nichts, außer das(s) wir sehr schönes Essen blos zu riechen kriegten. von da sind wir den(n) so in einer tour durch dick und dünn zu hause gekommen und ich weiß von dem Weg nicht viel. dort waren wir durch und durch naß, so daß wir am Ende durchs Wasser gingen, ohne daß wir nässer wurden. in Kiel zogen wir uns wol trocken wieder an aber ich nichts weiter als Hemde u. Strümpfe, welche durch die Nässe von außen, bald wieder im vorigen Zustand gesetzt wurden. warum ich dir soviel und so langweilig schreibe kannst du wol denken. ich habe itzt mehr Zeit noch bin ich nicht recht wieder Engagirt und werde es auch wol nicht eher bis D. wieder kommt. ich lebe wieder wie wir zu hause lebten. mir wird alles wieder leicht und die schönsten Aussichten in die Zukunft nahen sich itzt wirklich und liegen zu meinen füßen. ich gehe nun darauf los und freue mich des schönen weges, den ich mein leben hindurch so gerne gehen mögte, ich wollte nur du wärest hier und ich könnte dir alles zeigen und sagen, wir denken nun alle gewiß, daß Mrieken mit D:(aniel) kömmt. sie haben von Hause geschrieben, daß er Lottchen Sieverts mit nach Hause St:(ienchen) zur Geselschaft bringen sollte. schreibe mir doch was daran ist und schreibe mir überhaupt nur, hörst du?
wir sind alle noch ganz gut und denken ihr seyd es auch. auch erwarten wir nun alle Tage schon Hülsenbeck sein Sohn oder Tochter und haben die Wiege schon parat. grüße David, Hellwigsch und die Kleinen von deinem
Bruder Otto R.
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