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Philipp Otto Runge

An Carl


An Carl Hamburg den 15. Juni 1798.

An Carl


Lieber Carl!
Dein brief vom 10ten ist mir sehr lieb gewesen und ich habe mich wirklich recht gefreut, das(s) du mir so lang geschrieben hast! ich kriege ihn heut erst und da ich grade bey guter laune bin, so antworte ich auch sogleich. + Du schreibst, das(s) du gar viel zu thun hast. so geht es dir eben so wie mir, aber bey dir ist es doch was anders, du frägst wie ich aussehe und das hängt so ziemlich mit der lage zusammen, worin man ist. bey uns drängt sich alles ein aufs andre, wen(n) man 100 sachen vor sich hat und hat 50 abgearbeitet, so kommen 200 neue dazu. Des morgens gehts los und so bis des Nachts um 12 immer frisch weg, so lange man wacht, selbst bey tische des Abends kömmt nichts anders fast vor als die tägliche u. stündliche Arbeit und so Sonntag u. werkeltag, bethtag u. feyertag, du kannst bey so bewandten Umständen leicht denken, daß ich wol etwas durchtrieben aussehe und dazu die schöne hamburger graue Farbe etc. es kommen zwar unter brechungen aller Art vor, aber doch nur im Kurzen, doch auch sehr gute, die Woche, Tage und Stunden fliegen vorüber, so das(s) man es kaum gewahr wird, aber die Monathe und Jahre kommen mir wie eine Ewigkeit vor. ich bin nun 3 Jahre hier und mich dünkt mein ganzes übriges leben ist mir solang nicht geworden, dis kommt woll, weil sich die Zeit mit so entsetzlich vielerley anfüllt, was einem doch her nach nicht wieder bey fällt, weil es meistens Kleinigkeiten sind, mir kömmt es oft vor, als wenn ich nichts gethan hätte und in den wissenschaften bin ich auch wahrlich zurückgekommen, das geht alles natürlich zu, aber es quält mich entsetzlich und diese 3 Jahre scheinen mir die Köstlichsten meines lebens zu seyn und ich habe mich abgearbeitet und nichts zustand gebracht. mir kömmt es alles sehr jämmerlich vor, wenn auch alles in der Handlung in Ordnung gehalten wird, daß alle Bücher in steter Ordnung sind und nun das Jahr vorbey ist, und du siehst nun das Werk an, es ist weiter nichts darin, als du die Zeit übergelebt hast, und es nun eben von vorne wieder anfängst. + Lieber Carl! Daniel könnte ich wol treiben aber er treibt sich mehr als zu viel selbst. er arbeitet so zu sagen Tag und Nacht, wen(n) die andern Herrn auch so sagen, als wenn sie nichts sehnlicher wünschen, als daß er einmahl ein bischen zur Erhölung käme. ach, lieber Carl, die habens auch nicht gefressen. jeder denkt nur an sich und das nächste Bedürfnis und wie sie das meiste von sich abschieben und auf andre packen wollen und was sie noch thun sich durch die andern noch erleichtern. + ich habe genug zu tragen und ich wollte gerne noch mehr tragen, aber das schlimmste ist nur, das(s) es bey allem nur immer auf Daniel wieder zurückfällt, + ich habe wol viele Versehen gemacht und oft schlecht gearbeitet aber wie kann es anders gehen wenn auf nichts Rücksicht genommen wird, lieber Carl, was D.(aniel) darüber denkt, weis ich woll. er sagt es mir nicht, weil ich ihm zu jungs haftig noch bin, als daß er sich mir anvertraute, aber ich weiß es doch, ich wollte noch gerne solange für ihn arbeiten und ich habe über ihn mich selbst verwahrlost glaube ich, aber er sieht nun auf mich und sieht woll das es so nicht geht, er weis nicht wie ich ihn liebe und wie lange ich noch für ihn arbeiten mögte , du glaubst nicht, wie gut er ist aber die leute hier sehen das nicht ein. wenigstens wäre es mir unmöglich, wenn ich ihn so sähe arbeiten und ich wollte nicht ungesehen etwas anfassen, was ihm hülfe mir gefallen die Freunde doch auch nicht, die nur in der Höchsten Noth mit anfassen und hernach wieder los lassen, das es immer wieder dahin kommen muß. Ich kann nicht mitkommen und mögte nun im ernst auch nicht mit, denn sieh, Vater würde mir zu hause wegen meiner Vorhaben noch vielerley fragen und du weist wol, bey so etwas kann ich das Maul nicht recht aufthun. es würde also zu nichts kommen den(n) ich glaube doch, daß er nicht recht zufrieden damit ist. aber laß du Daniel nur kommen. der weiß es besser von sich zu geben und so hat es besser Art und Vater hat auch geschrieben, daß er mit ihm darüber sprechen wollte, wenn den(n) Vater oder jemand künftigen Frühling hier kommen sollte, dann ist es schon was anders so kann ich von meiner Arbeit schon was aufweisen und es wird sich dann alles finden hoffe ich, übrigens ist mir für mein künftiges leben nicht bange, wer mit lust und liebe das gute aufsucht, dem kömmt nichts schweer vor. mich stärkt sehr der Spruch:
sorget nicht für Euer leben, was Ihr essen oder trinken möget oder für Euer leib, was ihr anziehen möget. ist nicht das leben mehr wie die Speise und der leib mehr denn die Kleidung? sehet an das Gras auf den Felde, das doch heute stehet und morget in den Ofen geworfenen wird etc.
und was sollte auch eigentlich wol aus mir werden, wenn ich nicht die Kunst allein im Auge hätte? es kömmt mir alles ganz neu vor, und das zurück kehren zur Natur wird mir viel leichter als diese zusammen engung aller freyheit. was ich dir hierin vieleicht gesagt habe und worin ich mich nicht soo ausgedrückt habe, das(s) du es verstehst, würdest du sicherlich begreifen und verstehn, wenn du die Wirtschaft einmahl hier mit ansehen könntest. Daniel hat mir die Hand draufgegebn, das ich ganz gewiß zu Jacob seine Hochzeit zu Hause kommen sollte. also das ist richtig und wenn Jacob nur fort macht, so komme ich auch bald zu Hause. schreibe mir doch davon etwas und wie es damit steht. es ist doch auch erschrecklich damit noch im weiten felde.
ich denke recht oft an dich und mit einigem Verlangen dich bald zu sehen und dir sagen zu können, was ich alles jetzt auf meinen wegen finde, wobey ich sonst immer kalt vorüber gegangen bin + . Adjeu, nächstens mehr, Besser ist doch mein liebster Freund und grüßt dich sehr, so auch Enoch, Herm(ann), Gustav u. Daniel, Speckter etc. von ganzen Herzen bin ich dein

Otto





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