Philipp Otto Runge
An Johann Heinrich Besser in Göttingen
An Johann Heinrich Besser in Göttingen
- Perthes hat mir eine ausnehmende Freude mit Kolbe's Landschaften gemacht; hiebey habe ich etwas bemerkt, das mir nicht wenig lieb ist. Ich sah diese schönen Landschaften durch und kurz darauf mein Schnitzwerk, und fand, daß mir in den meinigen alles eben so deutlich war. Ich wollte doch, daß der Zufall mir statt der Scheere [Schere] etwas anderes zwischen die Finger gesteckt hätte, denn die Scheere ist bey mir nachgerade weiter nichts mehr als eine Verlängerung meiner Finger geworden, und es kommt mir vor, als wenn bey einem Mahler dies mit dem Pinsel u.s.w. eben so der Fall ist, da er denn mit diesem Zuwachs an seinen Fingern seiner Empfindung und den lebhaftesten Bildern seiner Phantasie nur nachzufühlen braucht. Wenn nun so einer die hellsten Perioden am zartesten aufzufassen versteht, so muß natürlich ein Meisterstück zum Vorschein kommen; dies aber fällt bey der Scheere, wenigstens für Andre, weg, und ehe mir ein andres Werkzeug so anwüchse,da gehörte viel Zeit dazu, und wo ist die zu haben? Aber wer doch eigentlich von Natur kein traurig und melancholisch Temperament hat, geht darum immer noch mit der festen Hoffnung um, daß sich alles finden wird. Ich denke, wir haben noch alle die ganze lange Ewigkeit vor uns, und kommen ja nicht alle zugleich zurErfüllung unserer liebsten Wünsche. Noch habe ich die Claudius'sche Familie (bey welcher ich und Enoch zulezt viel kleine Obstbäume gepflanzt) nicht weiter gesprochen, aber morgen bin ich mit ihnen bey Perthes zu Mittag und will deine Grüße gewiß bestellen. -
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