ask23 > Runge: An Carl
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Philipp Otto Runge

An Carl


Hamburg den 22ten Oct. 1795.

Lieber Carl, es ist gewaltig lange her, daß ich dir nicht geschrieben habe. ich habe dir immer schreiben wollen, allein am Posttage habe ich nie dazu kommen können; doch lieber Carl habe ich sehr viel an dich gedacht, Herrmann Müller #1 sehe ich auch nicht oft, wenigstens sind wir nur alle Sontage zusammen, den(n) wenn ich am Werkeltage zu Ihm gehe, so hat er immer etwas zu thun, denn er wird wol eben nicht viel Zeit übrig haben, sonst käme er wol hierher, denn ich kann ja nicht wissen, wenn er nichts zu thun hat, vor 12 Tagen spatzirten wir noch auf den Wall_ rund um der Stadt, dann wünschen wir dich zu uns weil du uns immer fehlst.


Ich schreibe dir heute, weil ich morgen wohl nicht dazu käme. itzt ist es hier sehr angenehm auf den Straßen zu gehen, weil es hier so entsetzlich schmutzig ist und doch ist dieses Jahr gar kein wasser gegen sonst, und das Clima ist ganz besonders denn daß kannst du dir vorstellen, wenn du dir einen Platz wie euren Hoff denkst, der ganz vol fleißiger Buden ist und wo die Sonne grell hineinscheint. Ihr werdet nun wol viel Obst haben und du wirst es dir wol gut schmecken lassen, und ich wünsche dir wohl zu bekommen. Wir waren vor einiger Zeit nach Stade welches 5 meilen von hier ist, und wo einige Emigranten regimenter lagen. da sahn wir den(n) unterwegs ein theil Obstbäume, die zu Hamburg liefern, daß waren Obstbäume! wir fuhren wol eine Stunde im Holtz, welches nichts wie Obstbäume waren, so weit wir nur sehen konnten. Du kannst dir auch leicht vorstellen daß hier viel Obst sein muß da hier sonst das Pfund Kirschen oder Pflaumen nur ½ S. gekostet hat, und Hamburg hat doch einen guten Magen. Wir haben von Jacob gehört, daß Hellwig_ einige Güter nahe bei Güstrow Pachten wolte, wenn da nichts daraus wird, so ists schade. Denn dann wäret ihr uns doch schon ganz nahe bey uns gewesen und hättet uns mahl recht angenehm überraschen können, da die Brife von Güstrow nur 24 stunden alt sind, so kann es doch so weit nicht seyn.

Daniel hat für ein paar Posttagen Schrittschuh von Engelland verschrieben, wo ich mich sehr auf spitze. wenn du wilst, so will ich ihn bitten, daß er auch ein Paar für dich zurücklegt. Nun lieber Carl ist die Glocke schon halb 3. und ich muß wol machen, daß ich was zu essen kriege. Denke oft an mich! ich kann dir nicht sagen, wie ich wol an dich denke und mich bisweilen bey dir wünsche, grüße David und sage ihm, daß er es mir nicht übel nimmt, daß ich nicht an ihm schreibe. ich denke das ist einerley, den brief liest er ja auch, und das versteht sich von selbst, wenn ich an dich denke, so denk ich auch an ihm und alle Kleinen und großen. Grüße alle, alle von deinem Bruder

Otto Runge.

1 | ein Vetter, Runges Mutter war eine geborene Müller.

.. _ Die hohen Häuser Hamburg in den engen Straßen sowie die Ausdünstungen der Fleete ließen keine gute Luft aufkommen. Der einzige Spaziergang war der Jungfernstieg und die Wälle, die nach Torschluß geräumt werden mußten. (Vgl. H. Sieveking, G. H. Sieveking, 1913, S. 443.)

.. _ Runge zweitälteste Schwester war mit dem Gutspächter Hellwig verheiratet, der in Mecklenburg wirtschaftete.






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